Daniela Schönemann Skulptur, Installation
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Wilder
Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau schreibt 1862 in seinem letzten Essay Walking: »Leben ist Wildheit. Am lebendigsten ist der Wildeste.«
Wildnis ist der notwendige Gegenpol zur ordnenden Kultur. Die Wildnis ist zugleich Sehnsuchts- und Schreckensort des Zivilisierten. In der Wildnis hofft der Mensch sich selbst und Inspiration für sein Tun zu finden.
Seit mehreren Jahren wächst die Figurengruppe Wild der jungen Hallenser Künstlerin Daniela Schönemann. Die meist kleinformatigen Holzskulpturen scheinen unbekannten Geschichten entsprungen. Mit phantastischen Mischwesen und unerhörten Deformationen schickt die Künstlerin den Betrachter auf eine humorvolle Entdeckungsreise in innere und äußere Wildnis. Es wird wilder.
Kunsthandlung Huber & Treff

Resistenzen. Über die Skulpturen der Bildhauerin Daniela Schönemann.
Die Skulpturen Daniela Schönemanns behaupten sich im Raum. Sie wollen beachtet werden, machen neugierig, obwohl sie von einstiger Lebensgröße ins kleine Format geschrumpft sind - vielleicht auch gerade deshalb.
Zwei oder drei Protagonisten in Holz, einige in PU-Schaum, manche auf einer Tischplatte installiert, mit Titeln versehen wie Aufstand, Dogville oder Widerstand. Es sind immer Frauen, ganz ohne Farbe, ohne Glamour, ohne aufpeppende Accessoires, aber mit akkurat hergerichteter Frisur. Meist einfach gekleidet in Pulli und Rock oder Hose, manche tragen auch einen Mantel - an der aufwendig zerschnittenen Oberfläche als Pelz zu identifizieren. Ihr Körperumfang kräftig, dabei stetig zunehmend, bis schließlich von Körperstrukturen nichts mehr übrig bleibt, Rundungen durch Fettmasse nivelliert werden und Gliedmaßen zu lächerlichen Anhängseln verkommen. Die Hände, zu Fäusten geballt, in Abwehrstellung und oft erhoben, bleiben erhalten: als sicheres Zeichen, dass mit diesen Damen nicht zu spaßen ist.
Sie sind kampfbereit und fest entschlossen, sich zu verteidigen: ihren Körper, ihren Besitz, ihre Position, ihre Haltung, ihre Ordnung, ihre Ansicht von der Welt, die gerade einmal durch Sessel, Sofa und Teppich definiert ist. Sie sind sperrig, sie widersetzen sich unserer Vorstellung von der Frau als Schönheit, als begehrenswertes Wesen. Sie tragen Schutzanzüge und leisten Widerstand gegen jeden, der ihre Prinzipien in Frage stellt.
Zumindest versuchen sie es.
Dabei fordern sie uns heraus! Provozieren uns, diese fettleibigen Weiber, die wohl ärztliche Anweisungen, jegliche Schlankheitskuren und in den Medien allzeit vermittelte Körperideale negieren! Manche nicht mal mehr fähig, sich auf den eigenen Beinen zu halten! Wie ein Käfer auf dem Rücken, vollkommen angewiesen auf fremde Hilfe - bei so viel Energie, die ins Leere rollt ...
Resistenzen als Titel der ersten Einzelausstellung Daniela Schönemanns. Da denkt man zunächst an Darmbakterien und kapitulierende Antibiotika.
Resistenz als die Fähigkeit, negativen, aber auch positiven Einflüssen zu widerstehen. Widerstand - ein schwieriges Wort, zumindest für Ostdeutsche: wurde es doch in DDR- Zeiten inflationär gebraucht im aufgezwungenen Lern- und Lesestoff der antifaschistischen Heldengeschichten. Dabei bezeichnet es vielfältige Arten persönlicher oder gesellschaftlicher Verweigerung aus geistiger, moralischer oder politischer Überzeugung.
Nonkonformes Handeln!
Widerstand kann aktiv, passiv und sogar gewaltfrei sein, still oder laut, im kleinen oder im großen Rahmen stattfinden, auf der Straße oder in der Wohnzimmerecke, von risikolos bis zur Aufopferung der eigenen Existenz. Es gibt ein Widerstandsrecht und eine Widerstandspflicht. Und laut Hannah Arendt hat »niemand ... das Recht zu gehorchen«.
Kunst ist Widerstand. Kunst stellt sich quer und in den Weg, irritiert, hinterfragt, protestiert. Kunst ist kein Plüschsofa. Und so gibt es neben den unzähligen glatt polierten nackten, sich räkelnden weiblichen Plastiken der Kunstgeschichte die Figuren Daniela Schönemanns, die die Komplexität des Begriffs Widerstand thematisieren und in seiner ambivalenten Form hinterfragen - mit Witz und Ironie, einer scharfen Beobachtung zeitgenössischer Verhaltensmuster und gefertigt in einer ganz eigenen künstlerischen Sprache, bei der sich die Liebe zum Detail und der Sinn für das Große und Ganze die Waage halten.
Wohnzimmerrevolutionen - möglicherweise als Spiegel unserer Wohlstandsgesellschaft, deren Bürger zu übersättigten Konsumenten mutieren, so dass Gestalt und Inhalt durch Masse ersetzt werden - unbeweglich, handlungsunfähig, aber voller potentieller Energie bei der Verteidigung privater Ordnungssysteme: Da liegen Fäuste als präzise gefaltete Handtücher im Regal oder drohen aus pedantisch eingeschlagenen Sofakissen im Leopardenfellimitat - wie eine in die Realitätsebene übertragene Detailansicht aus den kleinen Szenarien der Künstlerin, die weit entfernt sind von biedermeierlicher Puppenhausidylle ...
Susanne Ulbrich